Buddhistische Weisheiten 2500 Jahre Buddhismus
Meister & Lehrer

Laotse

Laotse — chinesisch 老子, Lǎozǐ, „Alter Meister" — ist der legendäre Weise, dem der Daodejing zugeschrieben wird, einer der einflussreichsten Texte der Weltliteratur. Ob er als historische Einzelperson existierte, ist bis heute ungeklärt. Was bleibt, ist sein Text: knapp 5.000 Schriftzeichen über den Weg, die Kraft und das Nicht-Handeln.

Laotse — traditionelle chinesische Darstellung

Laotse (chin. 老子, Lǎozǐ, „Alter Meister") ist die legendäre Gestalt, der der Daodejing zugeschrieben wird — einer der meistübersetzten Texte der Welt und Grundlagenwerk des Taoismus. Die moderne Sinologie geht davon aus, dass der Text eher ein Kompilationswerk des 4.–3. Jahrhunderts v. Chr. ist als das Werk einer Einzelperson.

Bild „Laozi 002" von Thanato — traditionelle Darstellung, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Weisheiten von Laotse

Die Sammlung enthält 5 Weisheiten aus dem Daodejing — über den Weg, das Nicht-Handeln und die stille Kraft des Wassers.

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Zur historischen Person

Ob Laotse als historische Einzelperson existierte, ist offen — und diese Offenheit ist keine Randnotiz, sondern das zentrale Ergebnis der modernen Sinologie. Der Name Lǎozǐ ist kein Eigenname, sondern ein Ehrentitel: „Alter Meister". Er bezeichnet möglicherweise eine Strömung, eine Tradition oder eine kollektive Stimme, keine bestimmbare Person.

Die einzige frühe Biografie stammt von Sima Qian (145–86 v. Chr.), der in seinen Aufzeichnungen des Großen Historikers (Shiji, ca. 100 v. Chr.) schreibt, Laotse sei in Quren im Staat Chu geboren worden, habe als Archivar am Zhou-Hof gedient und am Grenzpass Xiangu auf Bitten des Wächters Yin Xi den Daodejing aufgeschrieben — bevor er nach Westen aufbrach und verschwand. Sima Qian selbst hält diese Erzählung für unsicher: Er nennt mehrere alternative Kandidaten und räumt ein, nicht zu wissen, ob Laotse überhaupt je gelebt habe. Dieses Eingeständnis ist für das Shiji ungewöhnlich und spricht für seine Ehrlichkeit — und gegen die Verlässlichkeit der Überlieferung.

Die moderne Forschung datiert den Text des Daodejing auf das 4.–3. Jahrhundert v. Chr., rund zwei bis drei Jahrhunderte nach der angeblichen Lebenszeit. Archäologische Funde zeigen, dass der Text zu dieser Zeit noch im Wachsen war. Die Geschichte am Grenzpass gilt als spätere Legende. Was als „Laotse" überliefert wird, ist damit weniger eine Person als ein Textkorpus — und die Frage nach dem Autor tritt hinter die Frage nach dem Inhalt zurück.

Der Daodejing — Text und Manuskripttradition

Der Daodejing (auch: Tao Te Ching, „Das Buch vom Weg und seiner Kraft") umfasst 81 kurze Kapitel mit zusammen etwa 5.000 chinesischen Schriftzeichen — eine der kürzesten und wirkungsmächtigsten Schriften der Weltliteratur. Der Text ist in zwei Teile gegliedert: den Dao Jing (Kapitel 1–37, über den Weg) und den De Jing (Kapitel 38–81, über die innere Kraft).

Die ältesten erhaltenen Textzeugen sind archäologisch gesichert. 1993 wurden in einem Grab bei Guodian (Provinz Hubei) Bambusstäbe entdeckt, die auf die Zeit um 300 v. Chr. datiert werden — der älteste bekannte Teil des Textes, der allerdings nur etwa ein Drittel des späteren Gesamtumfangs enthält und in einer anderen Anordnung. 1973 fanden sich in Mawangdui (Provinz Hunan) in einem 168 v. Chr. versiegelten Grab zwei nahezu vollständige Seidenkopien — mit einer umgekehrten Kapitelfolge, in der der De-Jing-Teil voransteht. Diese Funde belegen, dass der Text bis zur Han-Dynastie weitgehend stabilisiert war, aber auch, dass er in seiner Entstehungszeit noch in Bewegung war.

Kernlehren: Dao, Wu Wei und De

Der Eröffnungssatz des Daodejing benennt das Grundproblem aller Aussagen über das Dao: „Der Weg, der ausgesprochen werden kann, ist nicht der ewige Weg." Das Dao — „der Weg" — ist das namenlose, formlose Urprinzip aller Dinge, aus dem alles hervorgeht und zu dem alles zurückkehrt. Es ist weder ein persönlicher Gott noch eine bloße Naturkraft, sondern der ungeschaffene Grund der Existenz. Wer es benennt, hat es bereits verfehlt.

Wu Wei — „Nicht-Handeln" — ist das daraus folgende Handlungsprinzip: nicht Passivität, sondern Handeln ohne erzwingenden Willen, im Einklang mit dem natürlichen Fluss der Dinge. Wasser ist das Leitbild: Es sucht stets den niedrigsten Ort, weicht allem aus — und überwindet dennoch den härtesten Stein. De schließlich, oft als „Tugend" oder „innere Kraft" übersetzt, bezeichnet die ursprüngliche Natur eines Wesens, die jedes Wesen vom Dao empfängt und die durch Begehren und künstliche Moral korrumpiert wird.

Taoismus und Buddhismus

Laotse ist kein buddhistischer Lehrer — der Taoismus entstand in China, der Buddhismus in Indien, und ihre erste Begegnung war nicht immer friedlich. Als der Buddhismus ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. nach China gelangte, bedienten sich buddhistische Missionare zunächst taoistischer Begriffe als Brückensprache: Das Sanskrit-Wort Dharma wurde mit Dao übersetzt, Nirvana mit Wu Wei. Diese Übertragungstechnik — Geyi, „Begriffsanpassung" — öffnete dem Buddhismus die Tür in die chinesische Gedankenwelt.

Aus dieser jahrhundertelangen Durchdringung entstand schließlich der Chan-Buddhismus (japanisch: Zen) — die taoistischste aller buddhistischen Schulen, mit ihrer Betonung von Natürlichkeit, direkter Erfahrung, dem Schweigen jenseits von Worten und der Ablehnung starrer Doktrin. Konzepte wie Nicht-Anhaftung, das Loslassen aller Konstruktionen und die Stille des Geistes durchziehen beide Traditionen. Dass der Daodejing auf einer buddhistischen Weisheitsseite erscheint, folgt dieser langen Geschichte der gegenseitigen Befruchtung — und der chinesischen Tradition der „Drei Lehren" (Sanjiao), die Laotse, Konfuzius und den Buddha als komplementäre Weisheitslehrer nebeneinander stellt.

Wirkungsgeschichte

In China wurde Laotse im Lauf der Zeit von einer philosophischen Figur zu einem Hochgott des religiösen Taoismus: Taishang Laojun, der „Oberste Hohe Herr Lao", einer der „Drei Reinen". In der Tang-Dynastie (618–907) erhob Kaiser Xuanzong ihn zum Ahnherrn des Kaiserhauses — der Familienname Li war derselbe — und machte den Daodejing zur Pflichtlektüre für die Staatsexamen.

Im Westen erschien die erste vollständige Übersetzung 1842 auf Französisch durch Stanislas Julien; 1870 folgten zwei unabhängige deutsche Erstübersetzungen. Die einflussreichste deutsche Übertragung legte Richard Wilhelm 1910 vor — sie beeinflusste Hermann Hesse, Carl Gustav Jung und Bertolt Brecht. Der Daodejing gilt heute als eines der meistübersetzten Bücher der Welt: Schätzungen nennen über 250 westlichsprachige Übersetzungen und weit über tausend Versionen in mehr als neunzig Sprachen weltweit. Kaum ein anderer Text von vergleichbarer Kürze hat in so vielen Kulturen so unterschiedliche Leser gefunden.