Kalu Rinpoche
Kalu Rinpoche — geboren 1905 in Kham, Osttibet, gestorben 1989 in Sonada, Indien — war ein tibetischer Meister der Karma-Kagyü- und Shangpa-Kagyü-Tradition. Nach Jahrzehnten intensiver Retreat-Praxis in Tibet und Indien gehörte er zu den ersten großen tibetischen Lehrern, die den Vajrayana-Buddhismus im Westen verankerten.
Weisheiten von Kalu Rinpoche
Die Sammlung enthält 2 Weisheiten von Kalu Rinpoche — über die Natur des Geistes und den Weg der Praxis.
Herkunft und frühe Ausbildung
Kalu Rinpoche wurde 1905 im Horkok-Tal der Region Hor in Kham, Osttibet, geboren. Sein vollständiger Name war Karma Rangjung Künchab. Sein Vater war ein angesehener Yogi und Arzt — selbst ein Schüler von Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye (1813–1899), einem der Begründer der Rimé-Bewegung. Diese Herkunft legte den Grundstein für Kalu Rinpoches späteres konfessionsübergreifendes Verständnis des Dharma.
Im Alter von etwa dreizehn Jahren trat er in das Palpung-Kloster ein, den Hauptsitz der Karma-Kagyü-Schule in Kham. Dort empfing er vom elften Tai Situ Rinpoche die Mönchsordination sowie seinen religiösen Namen. Bei Lama Norbu Töndrub, dem Retreatmeister der Palpung-Retreat-Zentren, erhielt er die vollständige Übertragung sowohl der Karma-Kagyü- als auch der Shangpa-Kagyü-Linie — und damit eine doppelte Linienhalterschaft, die seinen späteren Lehrweg bestimmen sollte.
Jahre in Retreat und Einsiedelei
Schon mit etwa sechzehn Jahren absolvierte Kalu Rinpoche seinen ersten klassischen Drei-Jahres-Retreat im Retreatzentrum Tsadra Rinchen Drak bei Palpung — einem historisch bedeutsamen Ort, der einst Jamgön Kongtrul als Hauptresidenz gedient hatte. Diesem folgten ein zweiter Drei-Jahres-Retreat sowie, nach Verlassen von Palpung, etwa zwölf bis fünfzehn Jahre als Einsiedler in den abgelegenen Bergregionen Khams. Er lebte in dieser Zeit nach dem Vorbild der großen tibetischen Yogis — ohne feste Unterkunft, in Höhlen und Einsiedelein, vollständig der Meditationspraxis gewidmet.
Retreatmeister in Palpung und Wirken in Tibet
Nach dieser langen Einsiedelzeit kehrte Kalu Rinpoche nach Palpung zurück. Situ Rinpoche ernannte ihn zum Vajra-Meister der großen Meditationshalle und zum Retreatmeister der Retreat-Zentren Naroling und Niguling. In dieser Funktion bildete er eine Generation tibetischer Meister aus. Zu seinen bekanntesten Schülern zählte der spätere 16. Gyalwa Karmapa Rigpe Dorje (1924–1981), dem er die Grundlagen der Meditationspraxis weitergab.
In den 1940er Jahren begleitete er Situ Rinpoche nach Lhasa und in andere Regionen Zentraltibets, wo er ausgiebig lehrte. Er widmete sich auch der Wiederherstellung von Pilgerstätten der Shangpa-Kagyü-Linie in Lhasa. Seine Ausbildung ergänzte er durch Unterweisungen bei Meistern verschiedener Schulen, darunter Dzongsar Khyentse Chökyi Lodrö (Sakya) und Dudjom Rinpoche (Nyingma) — entsprechend dem Rimé-Ideal seines Vaters.
Verlassen Tibets und Wirken in Indien
Um 1955 — einige Jahre vor der großen Fluchtwelle von 1959 — verließ Kalu Rinpoche Tibet in Richtung Bhutan und Indien. Er ließ sich in der Nähe von Darjeeling in Westbengalen nieder, wo er das Kloster Samdrup Darjay Choling in Sonada gründete. Dieses Kloster sollte sein Lebens- und Lehrort bis zu seinem Tod bleiben und wurde eines der wichtigsten Zentren der Shangpa-Kagyü außerhalb Tibets.
Reisen in den Westen
1971 unternahm Kalu Rinpoche auf ausdrücklichen Wunsch des 16. Karmapa und des 14. Dalai Lama seine erste Reise in den Westen. Der Weg führte unter anderem über Jerusalem; in Rom traf er Papst Paul VI. — eine ungewöhnliche ökumenische Begegnung. Es folgten regelmäßige Lehrreisen nach Nordamerika und Europa, bei denen er in über einem Dutzend Ländern Dharma-Zentren gründete, darunter in Kanada, den USA, Frankreich und Deutschland.
1974 entstand in La Boulaye in der Bourgogne, Frankreich, das Retreat-Zentrum Dashang Kagyu Ling. Zwei Jahre später, 1976, fand dort der erste klassische Drei-Jahres-Retreat der Shangpa- und Karma-Kagyü-Tradition für westliche Schüler statt — ein historischer Meilenstein in der Übertragung des tibetischen Buddhismus in den Westen. 1982 folgte der erste entsprechende Retreat in Nordamerika im Kagyu Thubten Choling Monastery in Wappingers Falls, New York.
Kernlehren: Mahamudra und Shangpa Kagyü
Kalu Rinpoches Lehren ruhten auf zwei Säulen. Die erste war Mahamudra — „die große Geste", die höchste Sicht- und Meditationslehre der Kagyü-Linie auf die Natur des Geistes: direkt, nicht-konzeptuell, jenseits aller Konstruktionen. Die zweite war die Shangpa-Kagyü-Tradition, die auf Khyungpo Naljor (11. Jahrhundert) und seine Hauptlehrerin Niguma zurückgeht — eine ältere, weniger verbreitete Linie mit eigenen tantrischen Praktiken, den Sechs Dharmas Nigumas, als Pendant zu den bekannteren Sechs Yogas Naropas.
Zum Kern seiner Unterweisung gehörte das vollständige System des Vajrayana-Wegs: von der Grundlage der Zuflucht über die Bodhicitta-Praxis bis zu den tantrischen Praktiken des Drei-Jahres-Retreats — Tummo (innere Hitze), Traumyoga, Klares Licht, Illusorischer Körper, Bardo-Praxis und Phowa (Bewusstseinsübertragung). Er folgte dabei dem Rimé-Ideal und lehrte ohne sektiererische Einschränkung.
Tod und Nachfolge
Kalu Rinpoche starb am 10. Mai 1989 in seinem Kloster Samdrup Darjay Choling in Sonada, Darjeeling. Er war 83 Jahre alt. Seine Reinkarnation wurde am 17. September 1990 in Darjeeling geboren — als Sohn von Lama Gyaltsen, seinem früheren Sekretär. Am 25. März 1992 anerkannte der zwölfte Tai Situ Rinpoche das Kind offiziell als Yangsi; der 14. Dalai Lama bestätigte diese Anerkennung. Am 28. Februar 1993 fand die formelle Inthronisierung statt.