Dilgo Khyentse Rinpoche
Dilgo Khyentse Rinpoche — geboren 1910 in Kham, Osttibet, gestorben 1991 in Thimphu, Bhutan — war einer der bedeutendsten tibetisch-buddhistischen Meister des 20. Jahrhunderts. Als Vertreter der Rimé-Bewegung, Dzogchen-Lehrer und ranghöchster Nyingma-Lama der letzten Jahre seines Lebens gehörte er zu den letzten Meistern, die ihre vollständige Ausbildung noch in Tibet erhalten hatten.
Weisheiten von Dilgo Khyentse Rinpoche
Die Sammlung enthält 8 Weisheiten von Dilgo Khyentse Rinpoche — über Dzogchen, Mitgefühl und die Natur des Geistes.
Herkunft und frühe Jahre
Dilgo Khyentse Rinpoche wurde 1910 im Denkhok-Tal der Dêgê-Region in Kham, Osttibet, geboren. Sein weltlicher Name war Tashi Paljor. Die Familie entstammte dem Nyö-Clan, einer bedeutenden Adelsfamilie am Hof des Königs von Dêgê; sein Vater Tashi Tsering diente dort als Minister. Einer seiner Brüder wurde später als der 9. Benchen Sangye Nyenpa Rinpoche anerkannt.
Als Kind erlitt er schwere Verbrennungen, nach denen er ins Klosterleben eintrat. Im Alter von etwa neun Jahren empfing er in Shechen Monastery seine Novizenweihe. Schon früh zeigte er außergewöhnliche Fähigkeiten in Studium und Praxis — er soll ganze Texte nach einmaligem Hören auswendig behalten haben.
Erkennung als Tulku
Mehrere hochrangige Lamas erkannten ihn schon in frühester Kindheit als Tulku. Der Gelehrte Ngor Pönlop Loter Wangpo erklärte ihn bereits als Säugling als Reinkarnation von Jamyang Khyentse Wangpo (1820–1892), dem großen Rimé-Meister des 19. Jahrhunderts. 1925 inthronisierte ihn Shechen Gyaltsap Gyurme Pema Namgyal formell in Shechen Monastery — als Yeshe Tulku, die Weisheitsgeist-Emanation des Jamyang Khyentse Wangpo.
Jamyang Khyentse Wangpo hatte mehrere als seine Emanationen anerkannte Tulkus; Dilgo Khyentse galt als jener, der den Weisheitsgeist des Meisters verkörperte. Diese Linie ist für das Verständnis seiner späteren Lehrtätigkeit bedeutsam: Er sah sich als Bewahrer und Weitergeber des umfassenden Rimé-Erbes seines Vorgängers.
Ausbildung und Retreat-Jahre
Vom Alter von etwa fünfzehn bis achtundzwanzig Jahren verbrachte Dilgo Khyentse nahezu ununterbrochen in Soloretreat — in Einsiedeleien und Höhlen Osttibets, unterbrochen nur durch Besuche bei verschiedenen Lehrern. Diese jahrelange Rückzugspraxis gilt als Fundament seiner späteren Lehrkraft. Sein wichtigster Wurzellehrer war Shechen Gyaltsap Pema Namgyal, der ihm die grundlegenden Nyingma-Übertragungen weitergab.
Ein zweiter entscheidender Lehrer war Dzongsar Khyentse Chökyi Lodrö (1893–1959), von dem er Übertragungen aus allen großen tibetischen Schulen empfing — Nyingma, Kagyü, Sakya und Gelug. Insgesamt empfing er Unterweisungen von über fünfzig Lehrern. Diese Breite der Ausbildung machte ihn zu einem der bedeutendsten Vertreter der Rimé-Bewegung, der konfessionsübergreifenden Tradition, die im 19. Jahrhundert in Kham entstanden war.
Flucht aus Tibet und Exil
Nach der chinesischen Besetzung Tibets floh Dilgo Khyentse Rinpoche 1959 gemeinsam mit seiner Ehefrau Khandro Lhamo, zwei Töchtern und einer Gruppe von Schülern aus Kham. Der Weg führte zunächst nach Bhutan, dann in indische Flüchtlingslager, anschließend zu einem mehrjährigen Aufenthalt bei Dudjom Rinpoche in Kalimpong.
Ab 1961 hielt er sich regelmäßig in Bhutan auf, zunächst auf Einladung dortiger Klöster. Bhutan wurde schließlich sein dauerhafter Wohnsitz. Er genoss das Vertrauen der bhutanischen Königsfamilie und wirkte dort als geistlicher Berater. Nach der politischen Öffnung Tibets unternahm er 1985, 1988 und 1990 drei dokumentierte Reisen zurück in seine Heimat, bei denen er Wiederaufbauprojekte finanzierte und bedeutende Stätten wie das Samye Monastery neu weihte.
Shechen Monastery in Nepal
1980 gründete Dilgo Khyentse Rinpoche das Shechen Tennyi Dargyeling Monastery in Boudhanath, Kathmandu, nahe dem Bodnath-Stupa. Das Kloster, heute Heimat von rund 400 Mönchen, wurde zum wichtigsten Zentrum der Shechen-Linie außerhalb Tibets. Es beherbergt eine umfangreiche Bibliothek tibetischer Texte, von denen viele durch Dilgo Khyentses Initiative gerettet und wiederherausgegeben wurden — über dreihundert Bände aus dem Erbe verschiedener tibetischer Meister.
Ranghöchster Nyingma-Lama
Nach dem Tod von Dudjom Rinpoche im Januar 1987 galt Dilgo Khyentse Rinpoche als ranghöchster lebender Lama der Nyingma-Schule — ein Ehrentitel, der keine strenge institutionelle Hierarchie begründet, sondern die allgemeine Anerkennung als bedeutendster Meister einer Tradition ausdrückt. Er trug seither den Titel Kyabje — „Zuflucht der Welt". Dieses Amt bekleidete er bis zu seinem Tod im Jahr 1991.
Der 14. Dalai Lama, der ihn als seinen wichtigsten Lehrer der Nyingma-Tradition betrachtete, hat sein Andenken wiederholt öffentlich gewürdigt. Auch Lehrer wie Chögyam Trungpa Rinpoche und Sogyal Rinpoche empfingen Unterweisungen von ihm.
Kernlehren: Dzogchen und Rimé
Der Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit lag auf Dzogchen — der „Großen Vollkommenheit", der höchsten Meditationslehre der Nyingma-Tradition, die auf die unmittelbare Erkenntnis der Natur des Geistes zielt. Daneben war er als Tertön tätig: Er entdeckte mehrere Terma, verborgene Schatzlehren, die der Überlieferung nach von Padmasambhava im 8. Jahrhundert für spätere Generationen hinterlegt worden waren. Sein bekanntestes Terma, Pema Nyingtik — „Herzessenz des Lotus-Geborenen" —, fand er 1936 in der Region Nangchen.
Als Rimé-Meister lehrte er ohne Beschränkung auf eine Schule. Sein Gesamtwerk umfasst über zwanzig Bände eigener Texte, darunter Kommentare zu Werken von Longchenpa, Jigme Lingpa und Patrul Rinpoche. Das auf Englisch zugänglichste Werk ist die Autobiografie Brilliant Moon (Shambhala, 2008), die Erinnerungen aus seinem Leben mit Berichten von Schülern verbindet.
Matthieu Ricard und das Wirken im Westen
1975 reiste Dilgo Khyentse Rinpoche erstmals in den Westen. In den folgenden Jahren lehrte er regelmäßig in Europa und Nordamerika und gründete in der Dordogne, Frankreich, ein Drei-Jahres-Retreat-Zentrum. Matthieu Ricard, der französische Biologe, der 1972 nach Indien gegangen war, um bei ihm zu studieren, wurde sein persönlicher Assistent und blieb es vierzehn Jahre lang bis zu Dilgo Khyentses Tod. Ricard dokumentierte diese Zeit in dem Fotografiebuch The Spirit of Tibet (1996) und dem Dokumentarfilm Spirit of Tibet: Journey to Enlightenment.
Der Dokumentarfilm Brilliant Moon (2010, Regie: Neten Chokling) zeigt sein Leben und Wirken mit Erzählstimmen von Richard Gere und Lou Reed — ein Zeichen des breiten kulturellen Echos, das sein Werk im Westen hinterlassen hat.
Tod und Reinkarnation
Dilgo Khyentse Rinpoche starb am 28. September 1991 im Alter von 81 Jahren in einem Krankenhaus in Thimphu, Bhutan. Im November 1992 fand nahe Paro die Kremationszeremonie statt — über hundert Lamas, die bhutanische Königsfamilie, rund 500 westliche Schüler und etwa 50.000 Gläubige nahmen teil.
Seine Reinkarnation wurde vom 14. Dalai Lama und Trulshik Rinpoche als Urgyen Tenzin Jigme Lhundrup anerkannt, geboren am 30. Juni 1993 in Kathmandu als Sohn von Tsikey Chokling Rinpoche. Im Dezember 1996 wurde er formal inthronisiert; er ist heute unter dem Namen Khyentse Yangsi Rinpoche bekannt. Das Kloster Shechen wird von Shechen Rabjam Rinpoche, einem Enkel von Dilgo Khyentse, weitergeführt.