Suzuki Shunryū
Suzuki Shunryū — geboren 1904 in der Kanagawa-Präfektur, Japan, gestorben 1971 in San Francisco — war ein japanischer Sōtō-Zen-Meister, der den Zen-Buddhismus im Westen verankerte. Er gründete das San Francisco Zen Center und das Tassajara Zen Mountain Center, das erste buddhistische Trainingskloster außerhalb Asiens.
Weisheiten von Suzuki Shunryū
Die Sammlung enthält 1 Weisheit von Suzuki Shunryū — über den Anfängergeist als Herzstück der Zen-Praxis.
Herkunft und frühe Ausbildung
Suzuki Shunryū wurde am 18. Mai 1904 am Tempel Shōgan-ji in der Kanagawa-Präfektur geboren, wo sein Vater Butsumon Sogaku Suzuki als Abt wirkte. Mit zwölf Jahren begann er 1916 seine Ausbildung bei Gyokujun So-on Suzuki am Tempel Zoun-in in Mori, Shizuoka — einem Dharma-Sohn seines Vaters, der für seinen strengen, direkten Stil bekannt war. So-on gab ihm den Spitznamen „krumme Gurke" wegen seiner vergeßlichen Art. 1917 empfing er die Novizenweihe und den Dharma-Namen Shōgaku Shunryū.
Nach dem Studium an der Sōtō-Vorbereitungsschule in Tokio schloss er 1926 sein Studium an der Komazawa Universität ab — mit Schwerpunkten in Zen, buddhistischer Philosophie und Englisch. Noch im selben Jahr empfing er von So-on die formale Dharma-Übertragung. 1930 und 1931 absolvierte er Ausbildungsperioden an den beiden Haupttempeln des Sōtō-Zen: am Eihei-ji unter dem renommierten Kishizawa Ian Roshi sowie am Sōji-ji in Yokohama. Kishizawa Ian, einer der bedeutendsten Sōtō-Lehrer seiner Zeit, blieb ein prägender Einfluss.
Wirken in Japan
Ab 1929 war Suzuki Abt des Tempels Zoun-in, ab dem Tod So-ons auch des Tempels Rinso-in in Yaizu — einem rund 500 Jahre alten Tempel in Shizuoka, den er über Jahrzehnte leitete. Bevor er Japan verließ, sicherte er die Weiterführung von Rinso-in durch seinen Dharma-Bruder Suzuki Sōkō. Sein Sohn Hoitsu Suzuki sollte später beide Tempel übernehmen.
Ankunft in den USA
Am 23. Mai 1959 trat Suzuki Shunryū mit 55 Jahren eine Stelle als leitender Priester des Soko-ji an — des damals einzigen Sōtō-Zen-Tempels in San Francisco, der hauptsächlich eine japanisch-amerikanische Gemeinde betreute. Die Entsendung war ursprünglich auf zwei Jahre befristet. Anders als viele seiner Vorgänger sprach Suzuki Englisch und konnte so direkt mit amerikanischen Interessenten in Kontakt treten. Er war beeindruckt von der aufrichtigen Neugier, mit der westliche Praktizierende ohne jede vorgefasste Meinung zum Zazen kamen — dem, was er „Anfängergeist" nennen sollte. Er entschied sich zu bleiben.
Unter seinen frühen Besuchern waren Menschen aus dem Umfeld der Beat Generation, die in San Francisco eine geistige Heimat suchten. Bald bildete sich neben der japanisch-amerikanischen Gemeinde ein eigener Studienkreis westlicher Schüler.
San Francisco Zen Center und Tassajara
1962 gründete Suzuki gemeinsam mit seinen amerikanischen Schülern das San Francisco Zen Center (SFZC) als eigenständige Organisation — heute eines der einflussreichsten Zen-Zentren der westlichen Welt mit drei Standorten: dem City Center in San Francisco, dem Green Gulch Farm in Marin County und Tassajara.
1967 erwarben Suzuki und seine Schüler unter Federführung von Richard Baker die Tassajara Hot Springs im Los Padres National Forest südlich von Carmel — und schufen damit das Tassajara Zen Mountain Center: das erste buddhistische Trainingskloster außerhalb Asiens und das erste Zen-Kloster weltweit mit gemeinsamer Praxis von Männern und Frauen.
Kernlehren: Zazen und Anfängergeist
Suzukis Lehre wurzelte in der Sōtō-Schule des Zen, die auf Dōgen Zenji zurückgeht. Im Mittelpunkt steht Shikantaza — „nur sitzen": Zazen nicht als Mittel zu einem Ziel, sondern als unmittelbarer Ausdruck der Buddhanatur selbst. Erleuchtung ist für Dōgen und Suzuki kein ferner Zustand, der durch Übung erreicht wird, sondern der Charakter der Praxis selbst.
Das zentrale Konzept seiner Lehren ist Shoshin — der Anfängergeist: „Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten gibt es wenige." Wer mit Offenheit, Neugier und ohne Vorurteile sitzt — wie ein Anfänger, der noch nichts zu verteidigen hat —, ist dem Zen näher als jemand, der glaubt, bereits zu wissen. Diese Haltung gilt nicht nur für die Meditation, sondern für jede Begegnung mit dem Leben.
Zen Mind, Beginner's Mind
Suzukis bekanntestes Werk entstand aus mitgeschnittenen Vorträgen, die er in den 1960er Jahren in Los Altos, Kalifornien, gehalten hatte. Seine Schülerin Marian Derby zeichnete sie auf; Trudy Dixon, eine weitere Schülerin, redigierte die Transkripte trotz schwerer Erkrankung. Richard Baker half bei der Herausgabe. Das Buch erschien 1970 bei Weatherhill unter dem Titel Zen Mind, Beginner's Mind — auf Deutsch: Zen-Geist, Anfänger-Geist — und wurde zu einem der meistgelesenen Zen-Bücher des Westens. Es ist bis heute in Zen-Zentren weltweit als Einführungstext im Einsatz.
Tod und Nachfolge
Suzuki Shunryū starb am 4. Dezember 1971 in San Francisco an Leberkrebs — kurz nach dem Erscheinen seines Buches. Er wurde 67 Jahre alt. Als einzigen amerikanischen Dharma-Erben hatte er 1970 Richard Baker die formale Dharma-Übertragung erteilt; Baker leitete das SFZC bis 1984. In Japan übernahm Suzukis Sohn Hoitsu Suzuki die Tempel Rinso-in und Zoun-in. Kōbun Chino Otogawa, der seit 1967 als Assistent am SFZC gewirkt hatte, gründete nach Suzukis Tod das Haiku Zendo in Los Altos und wurde dort zu einem wichtigen eigenständigen Lehrer in der Sōtō-Tradition.
Westliche Leser werden Suzuki gelegentlich mit dem Zen-Gelehrten und -übersetzer D.T. Suzuki (Daisetz Teitaro Suzuki, 1870–1966) verwechseln, der durch seine Schriften die westliche Welt als erster mit dem Zen bekannt machte. Shunryū Suzuki, der nur etwa 1,50 m groß war, pflegte diese Verwechslung mit einem Lächeln aufzulösen: „Er ist der große Suzuki — ich bin der kleine Suzuki."